Sie machen es einem aber auch nicht leicht…

Nachdem die Zitate schon den ganzen Tag durch die Twitter- und Bloggosspähre schwirren habe ich mir gerade unter http://palisades-berlin.de/2011/06/20/medienforum-2011-piel-und-gutjahr/ die komplette Diskussion angesehen. Zur Erinnerung: Journalist und Blogger Richard Gutjahr merkte an, ihm würden die Fernsehmacher "… ein bisschen wie die arabischen Diktatoren…" vorkommen, worauf Jürgen Doetz, Vorstand des „Verbands Privater Rundfunk und Telemedien e.V.“ mit "faschistoiden Tendenzen" auf der re:publica konterte.

Ich habe mir den ganzen Beitrag angesehen und mir insbesondere die Beiträge der WDR-Intendantin angehört.

Ich bin ja bekennender Fan eines öffentlich gebührenfinanzierten Rundfunks – obwohl da sicher so einige Fragen dringend zu klären wären. Z.B. warum Musikantenstadl, Marienhof & Co zur Grundversorgung gehören. Oder warum von den Gebühren finanzierte Inhalte nicht unbeschränkt zur Verfügung stehen… Aber ich schweife ab. Überzeugt hat mich im übrigen nicht die Angst vor den GEZ-Ermittlern (die hatte ich in meiner Studienzeit erfolgreich abgeschüttelt) oder die lächerlichen GEZ-Werbespots. Sondern der  schlichte Satz "Diese Sendung wurde mit Ihren Gebühren finanziert" im Anschluss an einige Radio1-Sendungen. 

Als ich mir aber die in einer Mischung aus Arroganz, Aggressivität und (Vorwärts-)Verteidigung vorgetragenen Beiträge von Frau Piel (& Co) angehört habe, bin ich schon ziemlich ins Grübeln gekommen. Ich habe lange keinen so unsouveränen und unsympatischen Auftritt mehr gesehen. Und das finanziere ich durch meine Gebühren..? Sehr demaskierend fand ich die Art der Reaktion "…dumme Anmaßung…" nannte Frau Piel die (letztlich doch ziemlich eingeschränkte) Kritik von Gutjahr. Schließlich sei der WDR ja "seit 28 Jahren … im Netz" – da hätte Gutjahr noch nicht einmal gewusst, was das Netzt sei. So ist das! Wir Journalisten lassen uns nicht von dahergelaufenen Milchbubis sagen, wie es in der Welt läuft! Mal nachdenken ob tatsächlich alle so toll ist oder eine sachliche Entgegenung finden – keine Chance. 

Los geht’s ab Minute 27 und leider schafft es auch Gutjahr nicht, den umfassenden Wandel durch das Internet zu verdeutlichen. Es geht eben nicht darum, Twitter als weitere Informationsquelle zu verstehen (das ist es natürlich auch) oder als neue Technologien HD-Fernsehen oder die Abschaltung des analogen Kabels(!) zu feiern. Und es ist auch nicht irrelevant, ob jemand der die Geschicke eines der größten Medienhaus lenkt, aus erster Hand versteht, wie eine Kommunikationstechnik funktioniert. (Das wäre etwa so, als wenn ein Zeitungsverleger meinen würde, es spiele keine Rolle, ob er selbst schreiben könnte – seine Redakteure würden das ja machen.)

Was das Internet wirklich besonders macht ist ganz offensichtlich diesen Diskutanten der "alten" Medien absolut nicht klar – oder sie verbergen es sehr geschickt. Das es über Kommentare, Twitter & Co tatsächlich möglich ist, in eine echten Dialog mit den Lesern (die dann eben nicht mehr nur Leser sind) zu treten, verstehen sie nicht oder vielleicht wollen sie es auch nicht. Denn schließlich bedeutet die Tatsache, dass nun jeder mitreden kann, einen Machtverlust für Journalisten. Mehr Qualitätskontrolle ("der WDR ist seit 28 Jahren im Netz" – ist er das wirklich? Und wenn ja, in welchem und womit?), mehr Kritik und mehr Konkurrenz. Ein Dialog wird eben auf Augenhöhe geführt – das ist etwas anderes als "Leserfeedback einholen". Wie sehr ein Verlag im Netz angekommen ist, kann man ganz gut an seiner Website sehen:

  • Stufe 0: Kommentieren der Artikel nicht möglich
  • Stufe 1: Kommentieren möglich, wird aber kaum genutzt
  • Stufe 2: Rege Kommentartätigkeit ohne Beteiligung der Redaktion
  • Stufe 3: Redaktion diskutiert in den Kommentaren mit

Heute kann jeder Journalist sein – ob er erfolgreich ist, entscheidet allein sein Werk. Das ist für etablierte Journalisten, die ihr Metier gelernt und lange Berufserfahrung haben natürlich bitter (als Designer ist man daran schon länger gewöhnt).

Natürlich – Qualitätsjournalismus wird gebraucht – aber die etablierte Medienlandschaft besteht eben nicht nur aus Qualitätsjournalismus (und auch der haut nur zu oft ganz schön daneben). Gerade für diese Mitte wird es in Zukunft immer enger – ganz oben werden sicher einige Medien mit hoher journalistischer Qualität bleiben und ganz unten ist immer genug Platz für Billig- und Schmuddeljournalismus. Aber dazwischen wird es eng – und je mehr Blogs, Online-Fachpublikationen etc. dazukommen – immer enger. 

Abgrenzung, Sonderrechte ("Leistungsschutzgeld") und aggressive Rhetorik werden den "alten" Medien da nicht weiter helfen – und je eher sie es begreifen, desto besser… Der Wandel kommt – nein er ist schon da. Einige haben das aber noch nicht begriffen.

Insofern hat Richard Gutjahr gar nicht ganz unrecht, wenn er die Medienverantwortlichen mit arabischen Potentaten vergleicht.

PS: Nur damit kein falscher Eindruck entsteht – das geht nicht explizit gegen die Öffentlich-Rechtlichen. Wenn private Zeitungsverleger und ihre FDP-Hilfstruppen gegen die Tagesschau-App zu Felde ziehen ("Printausgabe der Tagesschau") dann ist das an Absurdität kaum noch zu überbieten. So macht sich jeder lächerlich so gut er kann.

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