In der Bucht der Wale

Von Puerto Natales geht es weiter nach Süden – in Richtung Feuerland. Punta Arenas ist die größte Stadt der Gegend und die südlichste Stadt Chiles. Mit dem Bus von Puerto Natales dauert es nur drei Stunden – für schlappe 4.000 Pesos (ca. 6 €). Wir sind bei Sebastian und Marisol im Gästehaus „Hospedaje Magellanes“ angemeldet. Dort erhoffen wir uns neben der Unterbringung auch noch Tipps, was wir hier unternehmen können. Es gibt bei Punta Arenas gleich zwei große Kolonien von Magellanpinguinen und im Rahmen eines (langen) Tagesausflugs lassen sich auch Königspinguine besichtigen, die sonst nur in der Antarktis vorkommen. Dann wollten wir hier auch noch wandern – es kommt aber anders. Auf der Website der angeschlossenen Reiseagentur „Aionikenk“ habe ich eine mehrtägige Whale-Watching-Tour entdeckt, die mich interessiert. In der Magellanstraße, etwa 9 Bootsstunden von Punta Arenas entfernt befindet sich die Insel Carlos, auf der chilenische Forscher eine Beobachtungsstation unterhalten, um die dort jeden Sommer eintreffenden Buckelwale zu erforschen.

Um diese Forschung zu finanzieren, bieten sie mehrtägige Programme für Walfreunde an. Unterbringung im Forschungscamp und Ausflüge mit den Wissenschaftlern inklusive. Allerdings ist der Trip ziemlich teuer und eigentlich nicht mehr in unserem Reisebudget enthalten. Aber es gelingt mir, Andrea zu überzeugen und wir betreten frohgemut das Büro von Sebastian, um den Trip zu buchen. Aber – oh Schreck – es ist für den nächsten Trip, der passenderweise morgen startet, nur noch ein Platz frei!

Was tun? Eigentlich wollten wir nicht noch vier Tage in der Gegend „totschlagen“, zumal nette ruhige Unterkünfte in der Natur in der Umgebung wohl Mangelware sind (zumindest zu bezahlbaren Preisen). Während ich michaber schon mit em Gfedanken vertraut zu machen beginne, findet Sebastian doch noch eine Lösung. Eigentlich wäre er als deutscher Reiseleiter mitgekommen, da über seine Agentur vier Deutsche bereits gebucht haben. Wenn er verzichtet, haben wir noch Platz. Er könnte natürlich Probleme mit den bereits Gebuchten bekommen, die auf die versprochene deutsche Reiseleitung vrzichten müssen. Das will er aber riskieren, damit wir noch mitkönnen – meinen Respekt und Dank hat er dafür sicher.

Der Trip geht erst am nächsten Abend los, so dass wir noch Zeit haben, umzupacken und unsere Weitereise danach zu organisieren. Wir beschließen, nach em Trip nicht weiter nach Süden zu fahren, sondern gleich weiter nach Argentinien zu gehen. Damit ist Punta Arenas der südlichste Ort, den wir ansteuern – Ushuaia lassen wir aus. Damit ersparen wir uns auch die (mindestens) 12stündige Busfahrt dorthin…

Unsere Waltour fängt gut an: nach etwa einer Stunde im Bus werden wir von Marcelo, dem „General Manager“ von Whalesound (so heisst das Unternehmen) mit dem Zodiac-Schlauchboot am Strand abgeholt. Unser erstes Ziel ist eine kleine Lodge am Leuchtturm San Isidoro, dem südlichsten Zipfel des Festlandes (noch südlicher liegen nur noch die Inseln Feuerlands). Wir sind noch keine zwei Minuten unterwegs als sich uns drei Delfine anschließen, die neben dem Schlauchboot herschwimmen und in der Bugwelle spielen. Die Lodge entpuppt sich als sehr schönes Gebäude in einer verlassenen Bucht, direkt unter einem alten Leuchtturmsgebäude, das auch von Whalesound renoviert wird. Sie hat nur fünf Doppelzimmer und ist mit uns ausgebucht. Nach dem sehr leckeren Abendessen setze ich mich in den „Hot Tub“, ein mit heißem Wasser (von einem Holzofen erwärmt) gefüllter Bottich am Strand. Entspannt kann ich wahlweise das Meer oder den Sternenhimmel beobachten und genug Wärme für die Nacht speichere ich dabei auch. Am nächsten Morgen steht die Überfahrt zur Isla Carlos III an, die mit acht Stunden ganz schön dauern wird und bei entsprechendem Wind auch recht ungemütlich werden kann. Zum Glück (für die meisten) ist der Wind eher moderat, trotzdem stampft das Boot ganz schön und tatsächlich werden von unseren zehn Passagieren auch zwei(einhalb) richtig seekrank. Ganz schlimm erwichst es Natalie, die am Ende auf dem Boden der Kajüte liegt und nicht einmal mehr die Kraft hat eine der Kojen aufzusuchen. Naja, zumindest ist genug Zeit, die anderen Passagiere kenn zu lernen: eine dreiköpfige deutsche Familie, Anke, eine deutschje Lehrerin, Natalie (die allerdings gerade nicht sonderlich gesprächig ist) und einer der Gründer des Projektes mit seiner Frau und seinen beiden Kindern (die lustigerweise auch ganz gut Deutsch sprechen).

Gegen Ende der Fahrt erreichen wir recht offenes Gebiet und der Seegang nimmt ziemlich zu so dass wir nach fast acht Stunden recht glücklich sind, die gschützte Bucht zu erreichen in der das Camp aufgebaut ist. Das Camp an sich ist schon etwas Besonderes: Um die Auswirkungen auf die Inselvegatation möglichst gering zu halten, sind alle Installationen auf Platformen errichtet, die mit Stegen verbunden sind. Wir sind in achteckigen „Domes“ aus Plane untergebracht, die jeweils zwei Personen aufnehmen. Innen stehen zwei echte Betten und ein gemütlich aussehender Holzofen, der Wärme verspricht. Zusätzlich gibt es noch ein grosses Gemeinschaftszelt, einen Heliport und die Beobachtungsstion auf dem höchsten Punkt der Insel. Von dort kann Juan, der wissenschftliche Leiter des Camps das Gebiet der Wale überblicken. Er erforscht die Beziehungen der Buckelwalpopulation untereinander: Leben sie in Familien, in Paaren, wer kommt wann wieder und wie oft tauchen neue Wale auf? Juan hat Aufzeichnungen zu über 140 Walen, die er anhand ihrer Fluke (Rückenflosse) erkennen kann.

Am nöchsten Morgen brechen wir (endlich) zu den Walen auf. Während wir die Buchten der Magellanstraße kreuzen sehen wir (neben Seelöwen und Pinguinen) immer wieder Buckelwale, die meist in Paaren vorbeigeschwommen kommen. Ich kann einige gute Bilder der Fluke machen, die buckelwale beim Tauchen sehr imposant in die Höhe strecken und bin guter Dinge. Was wir aber sehen, als wir in die Bucht einbiegen, hätte ich mir niemals träumen lassen!

Über zwanzig Buckelwale nutzen die Bucht zum Entspannen, Schlafen und sich erholen. Sie haben keine Angst vor dem Boot, fühlen sich nicht gestört, sondern kommen im Gegenteil immer wieder von sich aus zum Boot, tauchen kurz dafor ab und auf der anderen Seite wieder auf. Drei junge Wale schweben minuten lang im Halbkreis aufrecht stehend vor dem Boot und strecken immer wieder den Kopf aus dem Wasser, um uns zu beäugen. Es ist einfach fantastisch und ich weiss gar nicht, was ich zuerst fotografieren soll! Als es mir auch noch gelingt, einen springenden Wal (fotografisch)  einzufangen, ist der Trip für mich perfekt! Da stört auch das leider ausgerechnet heute schlechte Wetter kaum. Nach gut zwei Stunden brechen wir die Beobachtung ab und fahren zurück zum Camp. Nachmittags besuchen wir dann noch einen Gletscher (auch sehr schön, aber Nichts im Vergeich zum Vormittag) wo Natalie dann noch die Glegenheit zum Kajak-fahren hat (konnte man auch buchen). Leider ist der kurze Trip am nächsten Tag auch schon zu Ende und nachdem wir am Vormittag noch einmal auf Walsuche gegangen sind – allerdings ohne solch spektaküläre Ergebnisse – müssen wir wieder zurück nach Punta Arenas. Aber wir haben etwas unvergessliches erlebt und sond sehr froh, uns diesen Trip gegönnt zu haben!

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